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Chile hat eine sehr schmale, lang gestreckte Form und reicht über 39 Breitengrade und mehrere Klimazonen hinweg. Geprägt wird das Land durch zwei Gebirgszüge, die es in Längsrichtung durchziehen, von denen die Anden den markanteren bilden.
Chile lässt sich der Länge nach in drei topographische Zonen einteilen: die Anden (Cordillera de los Andes) im Osten; die niedrigere Küstenkordillere (Cordillera de la Costa), die im Westen am Pazifischen Ozean entlang verläuft, und das dazwischen liegende Große Längstal (Valle Longitudinal). Von Nord nach Süd lassen sich drei wesentliche geographische und klimatologische Regionen unterscheiden: die nördliche, trockene Wüstenzone in Nordchile, auch „Großer Norden“ genannt; in Mittelchile eine Beckenregion mit Mittelmeerklima, als „Kleiner Süden“ bekannt, und in Südchile eine niederschlagsreiche Region, der „Große Süden“, für den die inselartig aufgelösten Ausläufer der hohen Gebirgszüge prägend sind. Die Anden sind im Norden am breitesten und verschmälern sich nach Süden zu. Im Norden bestehen sie aus mehreren Hochplateaus, die von zahlreichen Bergen mit Höhen bis zu 6 100 Metern umgeben sind. Hier befindet sich auch der mit 6 893 Metern höchste Gipfel Chiles, der Ojos del Salado. Das Plateaugebiet wird von der großen Wüste Atacama durchzogen, die ausgedehnte Salpeterfelder und reiche Vorkommen anderer Minerale (Kupfer, Borat, Iod, Sulfat, Kochsalz) enthält. Mittelchile ist durch das Große Längstal geprägt, das eine Länge von 965 Kilometern aufweist. Das Tal mit einer Breite von 40 bis 80 Kilometern ist der am dichtesten besiedelte Teil Chiles, und die fruchtbare Region zwischen den Flüssen Aconcagua und Bío-Bío bildet sein landwirtschaftliches Herzstück. Die zentralen Anden haben hier eine geringere Breite und sind niedriger als im Norden. Die meisten wichtigen Pässe über die Anden finden sich hier ebenso wie die besten natürlichen Häfen des Landes. Nach Süden zu löst sich das Längstal in einzelne Becken auf. Im
südlichen Chile läuft das Große Längstal bei Puerto Montt im Meer aus. Die
langen Inselketten vor der Küste bilden die Gipfel der nunmehr unter dem
Meeresspiegel liegenden, südlichen Fortsetzung der Küstenkordillere, während die
Anden im östlichen Küstenteil von zahlreichen Fjorden tief zerteilt und
eingeschnitten sind. Sie übersteigen hier selten eine Höhe von 1 800 Metern.
Chile liegt in einer Zone geologischer Instabilität, weshalb Erdbeben häufig
vorkommen und die vulkanische Aktivität mit noch aktiven Vulkanen in Nord- und
Mittelchile recht ausgeprägt ist. Die
meisten Flüsse in Chile sind relativ kurz, entspringen in den Anden und fließen
von dort aus nach Westen in den Pazifischen Ozean. In Nord- und Mittelchile
werden die Flüsse überwiegend vom ewigen Schnee in den Anden gespeist. Nach
Süden zu nimmt die Wasserführung aufgrund der erhöhten Niederschläge zu. Die
wichtigsten Flüsse des Landes sind (von Norden nach Süden) Loa, Elqui,
Aconcagua, Maipo, Maule, Bío-Bío und Imperial. Obwohl die Flüsse wegen der
Wasserfälle für die Schifffahrt von geringer Bedeutung sind, spielen sie für die
Bewässerung und die Erzeugung von elektrischem Strom eine große Rolle. Viele der
großen Seen Chiles, einschließlich des Llanquihue, konzentrieren sich auf den
landschaftlich sehr schönen Seenbezirk in Südchile. Im Nordosten liegt der
2 300 Quadratkilometer große Salar de Atacama, eine ausgedehnte Salztonebene.
KlimaWegen der enormen Längenausdehnung finden sich in Chile die verschiedensten Klimate. Im Allgemeinen sind die Temperaturen – abgesehen von den Hochgebirgsregionen – wegen der ozeanischen Einflüsse gemäßigt. Der
Norden besteht fast ausschließlich aus Wüste; diese Region zählt zu den
trockensten der Welt, in den hoch gelegenen Becken im Inneren fällt oft über
Jahre hinweg überhaupt kein Regen. Durch den kalten Humboldtstrom vor der Küste
kommt es in Küstennähe jedoch zu häufiger Nebelbildung, die eine spärliche
Vegetation ermöglicht. Das Klima hier ist gemäßigt, die jährliche
Niederschlagsmenge beträgt in Antofagasta 12,7 Millimeter. Die
durchschnittlichen Januartemperaturen liegen in Antofagasta bei 20,6 °C und in
Santiago bei 19,5 °C, die Julitemperaturen bei 14 °C (Antofagasta) bzw. 8 °C
(Santiago). Pro 150 Meter Höhenanstieg nehmen in den Anden die Temperaturen um
etwa 1 °C ab. Die Niederschläge nehmen nach Süden immer stärker zu. In
Mittelchile herrscht im nördlichen Teil ein mediterranes Klima. Hier
konzentrieren sich die Regenfälle auf die Wintermonate (Mai bis Juli), sie
betragen in Santiago jährlich 375 Millimeter. Die Winter sind hier allgemein
mild, die Sommer relativ kühl. Die südliche Region ist kühler; hier regnet es
das gesamte Jahr über. Die Niederschläge erreichen in der Nähe der
Magellanstraße eine maximale Höhe von 5 800 Millimetern. Bei Punta Arenas im
Süden des Landes liegt die jährliche Durchschnittstemperatur bei 6,1 °C. Starke
Winde sind für die südliche Region charakteristisch. Entsprechend seiner großen Längenausdehnung hat Chile Anteil an sehr verschiedenen Vegetationsformen mit einer jeweils sehr eigenen Pflanzenwelt und vielen Endemiten (nur in diesem Gebiet vorkommenden Arten). Im Norden finden sich Wüsten und Dornstrauchsteppen, in denen nur wenige Kakteen und Sukkulenten, Dornbüsche und andere Pflanzen gedeihen. Weiter im Süden finden sich in Küstennähe Wälder mit üppigerer Vegetation, die ihren Wasserbedarf teilweise durch die Feuchtigkeit aus dem häufig auftretenden Nebel decken. Im feuchteren Großen Längstal wächst eine strauchreiche Steppenvegetation mit u. a. verschiedenen Kakteen, Espino (einem Dornstrauch) und zahlreichen Gräsern. In größerer Höhe (etwa 500 bis 1 800 Meter) gegen die Anden hin herrschen Nadelwälder vor, in denen Araukarien mit ihren essbaren Nüssen oder Chilenische Flusszedern (Austrocedrus chilensis) dominieren. Südlich von Valdivia finden sich Reste des so genannten Valdivianischen Regenwaldes, eines temperierten Regenwaldes, der durch die hohen Niederschläge und ganzjährige Frostfreiheit begünstigt ist. Hier wachsen zahlreiche Lorbeergewächse, Magnolien und bunt blühende Lianen ebenso wie üppige Krautpflanzen. Außerhalb dieses eng begrenzten Gebiets sind für Mittelchile Laub werfende Wälder charakteristisch, in denen Südbuchen (Nothofagus-Arten) dominieren; weiter nach Süden zu werden sie von immergrünen Nadelwäldern abgelöst. Im äußersten Süden herrschen wiederum Grassteppen vor. Die Höhenlagen der Anden sind durch eine eigentümliche, artenreiche Hochgebirgsvegetation gekennzeichnet. Das
Tierleben ist weniger vielfältig als in anderen Teilen Südamerikas, da die Anden
eine beträchtliche Barriere für die Tierwanderungen darstellen. Zu den
bekannteren einheimischen Säugetieren zählen das Lama, das Alpaka, das Vikunja,
das Guanako, der Puma, der Andenschakal oder Magellanfuchs, der Südpudu (eine
kleine Trughirsch-Art, Pudu pudu), das Chinchilla sowie der sehr seltene, in
großer Höhe lebende Huemul oder Südandenhirsch. Der zur Gattung der Andenhirsche
(Hippocalamus bisulcus) gehörende rehgroße Huemel ist zugleich das Wappentier
Chiles. Das Vogelleben ist recht vielfältig, die meisten größeren
südamerikanischen Formen sind jedoch nicht anzutreffen. Neben der Forelle, die
aus Nordamerika eingeführt wurde, bevölkern nur wenige Süßwasserfische die
chilenischen Flüsse und Seen. In den Küstengewässern gibt es jedoch einen großen
Reichtum an verschiedenen Fischen und Meerestieren. Im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern ist die Bevölkerungszusammensetzung Chiles relativ homogen. Die ersten spanischen Siedler vermischten sich mit den lokal ansässigen Indianerstämmen, vor allem mit den Araukanern. Nachkommen dieser Mischehen, die Mestizen, bilden heute 92 Prozent der Bevölkerung. Die europäische Einwanderung spielt in Chile keine so große Rolle wie in anderen Ländern Amerikas. Lediglich im 19. Jahrhundert fand eine kleine Immigrationswelle statt. Im Gebiet von Valdivia und Puerto Montt leben etwa 100 000 Deutsche. Daneben gibt es im ganzen Land kleinere Bevölkerungsanteile an Italienern, Österreichern, Schweizern, Briten, Jugoslawen und Franzosen. Heute beträgt der rein europäische Bevölkerungsanteil etwa zwei Prozent. Nur ungefähr sechs Prozent der Bevölkerung bestehen aus Indianern und Indianermischlingen, davon 1,5 Prozent Araukaner als die größte Indianergruppe, die sich im Süden des Landes konzentriert. Weitere, bekanntere Indianerstämme sind z. B. die Aimara und die Feuerländer. Die
Einwohnerzahl von Chile beläuft sich auf etwa 14,3 Millionen; damit ergibt sich
eine Bevölkerungsdichte von 19 Einwohnern pro Quadratkilometer. Neun Zehntel der
Bevölkerung leben in der Zentralregion zwischen Concepción und La Serena. Das
durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum liegt bei 1,7 Prozent. Etwa
85 Prozent der Bevölkerung leben in Städten, mehr als ein Drittel der
Gesamtbevölkerung des Landes hat ihren Wohnsitz in der Hauptstadt Santiago.
Sowohl die Gemeinden im Süden als auch in der Wüstenregion im Norden sind sehr
isoliert und durch weite, meist unbewohnte Landstriche vom Rest des Landes
getrennt. Zu den
bedeutenden Städten in Chile zählen neben Santiago auch Concepción, Zentrum der
Landwirtschaft und Industrie (350 000 Einwohner), Valparaíso, ein großer
Seehafen (280 000), und Viña del Mar, ein beliebter Urlaubsort (320 000).
Die
Amtssprache in Chile ist Spanisch und wird nahezu von der gesamten Bevölkerung
gesprochen. Indianersprachen wie Quechua, Aymara und vor allem Dialekte der
Araukaner wie das Mapudungun werden nur von einem geringen Teil der Chilenen
gesprochen. Etwa
81 Prozent der chilenischen Bevölkerung sind römisch-katholischen Glaubens. Der
restliche Teil der Bevölkerung ist überwiegend protestantisch, doch gibt es auch
eine kleine jüdische Glaubensgruppe. Die Indianer üben ihre traditionellen
Religionen aus, stellen aber nur eine kleine Minderheit dar. Im Jahr 1925
erfolgte die offizielle Trennung von Kirche und Staat. In den
zwanziger Jahren wurde erstmals eine Sozialgesetzgebung erlassen, und bis in die
frühen siebziger Jahre zählte das Wohlfahrtsprogramm zu den umfassendsten der
Welt. Nach dem Militärputsch von 1973 wurde ein großer Teil der sozialen
Absicherungsstruktur abgebaut. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich jedoch
kostenlos in staatlichen Gesundheitszentren und Krankenhäusern medizinisch
versorgen lassen. Arbeiter beziehen im Alter zumeist eine Rente, sind gegen
Arbeitslosigkeit versichert und erhalten andere Vergütungen. Die
Kultur und das Erziehungssystem in Chile lehnen sich überwiegend an europäische
Vorbilder an. Dennoch konnte sich auch eine eigene kulturelle Tradition
entwickeln, welche die Elemente der verschiedenen ethnischen Gruppen einbezieht
und die durch Einflüsse der Nachbarländer mitgeprägt wurde. Das moderne Erziehungssystem in Chile entstand Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute sind acht Schuljahre für alle Kinder zwischen sechs und 14 Jahren obligatorisch, die Lehrmittelfreiheit ist garantiert. Die Schulen unterliegen der Verwaltung durch die Staatsregierung und dem damit beauftragten Erziehungsminister. Rund 94 Prozent der chilenischen Bevölkerung können lesen und schreiben. Dieser Prozentsatz gehört zu den höchsten in Lateinamerika. Zu den
bekanntesten unter den 24 höheren Bildungseinrichtungen des Landes gehören die
angesehene Universität von Chile (gegründet 1738) in Santiago, die Universität
Concepción (1919), die katholische Universität von Chile (1888), die katholische
Universität Valparaíso (1928) sowie einige technische Hochschulen. An den
Hochschulen sind etwa 240 000 Studenten eingeschrieben. Die
wichtigen kulturellen Institutionen Chiles befinden sich in den großen Städten
der Zentralregion. Dazu gehören das Nationalmuseum der Schönen Künste, das
Museum für Nationalgeschichte und das Nationalmuseum für Naturgeschichte – alle
in Santiago – sowie das Naturgeschichtliche Museum in Valparaíso. Die größte
Bibliothek des Landes ist die Nationalbibliothek in Santiago mit etwa
3,5 Millionen Bänden. In
Chile dominieren zwei lebendige und stark kontrastierende Strömungen das
kulturelle Leben: die kosmopolitische Kultur der wohlhabenden Stadtbevölkerung
und die volkstümliche Kultur, die auf dem Land vorherrscht und überwiegend
spanisch beeinflusst ist, aber auch araukanische Züge in sich trägt. Letztere
zeigt sich am stärksten in der chilenischen Musik und im Tanz. Chile besitzt
eine reiche und blühende literarische Tradition, worauf u. a. die beiden
Literaturnobelpreisträger Gabriela Mistral und Pablo Neruda hinweisen. Chile
verfügt über ein breites Spektrum moderner Kommunikationsmittel. Ende der
achtziger Jahre erschienen in Chile mehr als 30 Tageszeitungen. El Mercurio, La
Nación, La Tercera und La Hora werden in Santiago herausgegeben und zählen zu
den einflussreichsten Presseorganen des Landes. Das 1958 eingeführte Fernsehen
wird von einem Netzwerk der Nationalregierung und mehreren unabhängigen
Sendestationen betrieben. Außerdem gibt es etwa 375 Rundfunksender im ganzen
Land. Die
Regierung von Chile basierte bis zum Staatsstreich im Jahr 1973 auf der
Verfassung von 1925. Obwohl auch danach die Verfassung nominal in Kraft blieb,
wurden die meisten Klauseln mit der Begründung ausgesetzt, dadurch die
Volksdemokratie und ordentliche Gerichtsverfahren garantieren zu können. Eine
neue Verfassung wurde zwar 1980 verabschiedet (sie trat im folgenden Jahr in
Kraft), die wesentlichen Grundgesetze aber erst 1989 hinzugefügt. Chile ist
demnach eine Präsidialrepublik. Die letzte Verfassungsänderung stammt aus dem
Jahr 1991. Die
Exekutivgewalt hält der Präsident inne; er wird alle vier Jahre vom Volk gewählt
und ernennt das Kabinett. Die ersten freien Präsidentschaftswahlen fanden 1989
statt. In
Übereinstimmung mit der Verfassung wählten die Chilenen im Jahr 1989 einen aus
zwei Kammern bestehenden Nationalkongress. Das Parlament besteht aus 120 durch
Wahl ermittelten Abgeordneten, der Senat umfasst 46 Mitglieder. Alle Bürger über
18 Jahre sind wahlberechtigt. Die
höchste richterliche Gewalt wird in Chile vom Obersten Gerichtshof ausgeübt, der
aus 16 Richtern besteht. Daneben gibt es im Land 17 Berufungsgerichtshöfe. Die
Richter werden auf Lebenszeit vom Präsidenten und auf Empfehlung der obersten
Richter ernannt. Chile
ist in 13 Regionen eingeteilt (einschließlich des Großraumes Santiago), und
diese sind wiederum in 50 Provinzen untergliedert. Die Gouverneure, die den
einzelnen Regionen vorstehen, sowie die Regierungsbeamten der Provinzen werden
vom Präsidenten bestimmt. Alle
politischen Aktivitäten wurden nach dem Militärputsch von 1973 untersagt und bis
1977 strafrechtlich verfolgt. Politische Parteien wurden erst 1987 wieder
zugelassen. Die Christdemokraten (Partido Demócratico Cristiano, PDC), die
Sozialdemokraten (Partido por la Democracia, PPD), die konservative Nationale
Erneuerungspartei (Renovación Nacional, RN) sowie einige sozialistische Gruppen,
darunter insbesondere die Sozialistische Partei (Partido Socialista, PS) und die
Unabhängige Demokratische Union (Unión Demócrata Independiente, UDI) nahmen an
den Wahlen von 1989 teil und teilten den Hauptanteil der Parlamentssitze unter
sich auf, wobei die PDC und die RN dominierten. Bei den Wahlen von 1993 kam es
kaum zu Veränderungen, nur der Anteil der PS nahm deutlich ab. In
Chile ist für alle Männer ab 18 Jahren ein einjähriger Militärdienst bei der
Armee oder ein zweijähriger bei Marine oder Luftwaffe Pflicht. Das Militär
umfasst etwa 91 800 Soldaten, von denen 54 000 Mann in der Armee, 25 000 in der
Marine und 12 800 in der Luftwaffe dienen. In der Wirtschaft Chiles dominiert seit dem frühen 20. Jahrhundert der Abbau von Kupfer, doch hat sich seit den vierziger Jahren der industrielle Sektor durch verschiedene Regierungsmaßnahmen stark und vielseitig entwickelt. Heute gehört Chile zu den führenden Industrienationen Lateinamerikas sowie zu den größten Rohstoffproduzenten. In den siebziger Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, den Ertrag der vernachlässigten Landwirtschaft zu erhöhen und damit die Importabhängigkeit des Landes bei den Nahrungsmitteln herabzusetzen. Nach einem Rückgang der Getreideproduktion in den frühen achtziger Jahren hatte sich der Ertrag am Ende des Jahrzehnts wieder verbessert. Dennoch hat die Landwirtschaft insgesamt einen vergleichsweise geringen Anteil an der gesamten Wirtschaft von nur etwa acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gegenüber der Industrie mit 34 Prozent und dem Dienstleistungsgewerbe mit 58 Prozent. Nachdem
Allende in der kurzen Zeit seiner Regierung versucht hatte, ein sozialistisches
Wirtschaftssystem einzuführen, indem er wesentliche Zweige verstaatlichte,
staatliche Preiskontrollen und ähnliche Maßnahmen einführte, kam es in der Ära
Pinochet (ab 1973) durch die Politik einer neoliberalen Wirtschaft zu einer
Reprivatisierung, einem Rückgang der staatlichen Lenkung und einer erneuten
Öffnung Chiles für ausländische Investoren. Im Jahr 1993 wies die nationale
Handelsbilanz Einfuhren im Wert von 10,2 Milliarden US-Dollar und Ausfuhren im
Wert von 9,2 Milliarden US-Dollar auf. Mittlerweile zählen die Wachstumsraten
der chilenischen Wirtschaft zu den höchsten in Südamerika. Etwa 18 Prozent der Arbeitskräfte von Chile sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Mit Ausnahme der überwiegend im tiefen Süden durchgeführten Schafzucht konzentriert sich die landwirtschaftliche Aktivität in Chile auf das Große Längstal. Die 1960 entwickelten Programme zur Landreform dienten dazu, den Landbesitz der Großgrundbesitzer aufzuteilen. Mit Hilfe moderner Techniken ließ sich auch die Produktivität steigern. Etwa sieben Prozent der Gesamtfläche Chiles werden gegenwärtig landwirtschaftlich genutzt. Zu den
wichtigsten landwirtschaftlichen Produkten zählen Weizen, Mais, Kartoffeln, Obst
und Gemüse (vor allem Tomaten), Zuckerrüben, Reis und Hafer. Die Obsternte
besteht im Wesentlichen aus Grapefruits, Melonen, Äpfeln, Pfirsichen, Aprikosen,
Pflaumen und Kirschen. Darüber hinaus hat sich in den letzten Jahren der Weinbau
etabliert. Chilenische Weine sind mittlerweile auch im Ausland gefragt. Die
Schafzucht wird in Feuerland und Patagonien in großem Umfang betrieben. Der
Viehbestand umfasst vor allem Schafe, Rinder, Schweine und Pferde. Über zwölf Prozent der chilenischen Gesamtfläche sind bewaldet. Der Holzeinschlag umfasst sowohl Nadelhölzer (insbesondere Kiefern) als auch Laubhölzer wie etwa Eucalyptus. Das Holz findet Verwendung in der Bauindustrie oder dient als Grundlage für die Papierherstellung. Die Holzindustrie wurde seit Mitte der siebziger Jahre durch kräftige Investitionen gestützt und hat einen Anteil von etwa zehn Prozent am Gesamtexport. Die
Fischfangindustrie Chiles zählt zu den größten in Südamerika. Der jährliche Fang
in den reichen Fischgründen des Landes umfasst 4,8 Millionen Tonnen. Zu den
wichtigsten Fischen zählen Sardinen, Makrelen, Anchovis, Seehechte und Hummer.
In den Fischverarbeitungsfabriken wird ein Großteil des Fanges für den Vertrieb
verpackt. Chile
verfügt über die größten bekannten Kupfervorkommen der Welt (etwa 40 Prozent)
und gehört zu den führenden Produzenten dieses Metalls. Das Kupfer nimmt den
größten Stellenwert beim Export ein, der Anteil beträgt etwa 35 Prozent des
jährlichen Exportvolumens. Rohöl und Erdgas (erstmalig 1945 entdeckt) werden auf
Feuerland und in der Magellanstraße gewonnen. Etwa zehn Millionen Barrel Rohöl
und 862 Millionen Kubikmeter Erdgas werden jährlich gefördert. Das Eisenerz
erreicht pro Jahr eine Produktion von etwa 6,8 Millionen Tonnen, wodurch auch
dieser Bodenschatz eine wichtige Rolle für das Land spielt. Chile verfügt
darüber hinaus über große Vorkommen an Nitraten, Iod, Schwefel und Kohle sowie
Silber, Gold, Mangan und Molybdän. Die ehemals große Bedeutung der
Salpetervorkommen in der Atacama-Region, die aufgrund des Salpetermonopols
(siehe unten: Geschichte; Liberale Regierung und Kriege mit dem Ausland) für den
enormen Reichtum Chiles Ende des 19. Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre
dieses Jahrhunderts sorgten – der stickstoffreiche Salpeter war damals
Hauptbestandteil der Düngemittel –, ging durch die Verbreitung des
Mineraldüngers stark zurück. Der
industrielle Sektor beschäftigt etwa 27 Prozent der Arbeitskräfte im Land. Die
Herstellung beschäftigt sich überwiegend mit der Verfeinerung und Verarbeitung
der Bodenschätze sowie der land- und forstwirtschaftlichen Ressourcen. Chile
gehört zu den größten Stahlherstellern Südamerikas. Auch das Kupfer wird im Land
verarbeitet. Verschiedene Erdölraffinerien verwenden sowohl das heimische als
auch das importierte Rohöl. Weitere wichtige Produktionszweige beschäftigen sich
mit der Herstellung von Zement, der Holzverarbeitung und Papierherstellung, der
Produktion von Nahrungsmitteln, Textilien (aus Baumwolle, Wolle und Synthetik),
der Verarbeitung von Tabak sowie der Herstellung von Glas, Chemikalien,
raffiniertem Zucker und elektronischen Geräten und Produkten. Auch die
Kraftfahrzeugindustrie spielt eine wichtige Rolle. Industriezentren befinden
sich in der Gegend um Santiago und Valparaíso sowie bei Concepción. Die
Strom erzeugenden Anlagen in Chile erreichen eine Gesamtkapazität von vier
Millionen Kilowatt und produzieren 15,6 Milliarden Kilowattstunden Strom pro
Jahr. Wesentliche Grundlage stellen die Wasserkraftwerke dar, die mit Hilfe der
aus den Anden kommenden, rasch fließenden Flüsse betrieben werden. Ende der
achtziger Jahre wurden große Anstrengungen unternommen, um das
Wasserkraftpotential des Landes weiter auszubauen, denn es können nur drei
Viertel des chilenischen Strombedarfs von den bisher bestehenden Werken gedeckt
werden. Chiles
Straßennetz erstreckt sich über 79 200 Kilometer, von denen 13 Prozent
asphaltiert sind. Die Eisenbahnlinien dehnen sich auf einer Länge von
8 100 Kilometern aus und beschränken sich auf die nördlichen zwei Drittel des
Landes. Das wichtigste Nord-Süd-System besteht aus Strecken, welche die
bedeutenden Küstenstädte verbinden und über die Anden nach Argentinien und
Bolivien führen. Da das Gebiet aufgrund des gebirgigen Charakters
verkehrstechnisch sehr schwierig zu erschließen ist, setzen viele Städte auf den
Transport durch die Schifffahrt. Dennoch sind große Häfen selten. Zu den
wichtigsten zählen diejenigen von Valparaíso, Talcahuano und Tomé (beide an der
Bucht Concepción gelegen), Antofagasta, San Antonio und Punta Arenas. Der
bedeutendste internationale Flughafen des Landes befindet sich nahe Santiago;
weitere liegen bei Arica, Antofagasta, Puerto Montt und Punta Arenas. Die
Währungseinheit Chiles ist der Chilenische Peso (1 Peso = 100 Centavos). Der
Peso wurde 1975 eingeführt und ersetzte den Escudo. Die halbautonome Zentralbank
von Chile (1926 eingerichtet) fungiert als Notenbank und hat weit reichende
Kompetenzen zur Regulierung der nationalen Geldpolitik. Zu den weiteren Banken
des Landes gehören eine Staatsbank und eine Reihe von Handels- und
Entwicklungsbanken. Metalle
und Eisenerze sowie Nahrungsmittel (Obst und Gemüse, Fleisch- und Fischprodukte)
machen über die Hälfte der Exporterlöse aus. Weitere wichtige Exportgüter sind
Zellstoff, Papierprodukte, Chemikalien und chemische Produkte. Zu den
wesentlichen Importgütern zählen Maschinen und Kraftfahrzeuge, Gemüse und
tierische Produkte, elektronische Anlagen, Mineralprodukte und chemische
Erzeugnisse. Chiles wichtigste Handelspartner sind die USA, Japan, Brasilien,
Deutschland, Argentinien und Großbritannien. Erste
Besiedlungsspuren auf dem Gebiet des heutigen Chile lassen sich bereits für das
12. Jahrhundert v. Chr. nachweisen; sie stammen aus der Region um die Stadt
Antofagasta im Gebiet der Wüste Atacama, die damals vermutlich noch wesentlich
feuchter war. Als erster Europäer betrat der portugiesische Entdeckungsreisende
Fernão de Magalhães im Jahr 1520 chilenischen Boden. Er setzte seine Reise in
den Pazifik auf einer Wasserstraße zwischen Feuerland und der Südspitze Chiles
fort, die man heute nach ihm Magellanstraße nennt. Die Region hieß damals bei
den indianischen Einwohnern Tchili, eine Bezeichnung für Schnee. Zur Zeit
Magellans wurde der südlich des Flusses Rapel gelegene Teil Chiles von den
Araukanern beherrscht. Die Stämme im nördlichen Teil von Chile wurden im
15. Jahrhundert von den Inkas aus Peru unterworfen. Im Jahr 1535, nachdem die
Spanier unter Francisco Pizarro ihre Eroberung in Peru vollendet hatten, führte
einer von Pizarros Vertrauten, Diego de Almagro, eine Expedition zur Suche nach
Gold von Peru aus nach Chile an. Diese dauerte drei Jahre, hatte jedoch keinen
Erfolg, so dass die Spanier sich wieder nach Peru zurückzogen. Pedro de Valdivia, ein weiterer Offizier Pizarros, unternahm 1540 eine zweite Expedition in das südliche Chile. Trotz starker Widerstände der Araukanier gelang es Valdivia, einige Siedlungen zu errichten; in dieser Zeit wurde auch Santiago gegründet (im Jahr 1541). Einige Jahre später erfolgte die Gründung von Concepción (1550) und Valdivia (1552). Im Jahr 1553 organisierten die Araukaner einen erfolgreichen Aufstand, töteten Valdivia und viele seiner Gefolgsleute. Dabei wurden mit Ausnahme von Concepción und La Serena alle damaligen spanischen Städte zerstört. Die Rebellion war der Beginn einer kriegerischen Epoche zwischen spanischen Besatzern und Indianern, die beinahe 100 Jahre anhielt. Die Araukaner waren der einzige Indianerstamm in Südamerika, der den spanischen Angriffen nicht sofort nachgab, sondern ihnen lange Zeit Widerstand leistete. Die Konflikte dauerten auch während und nach der spanischen Kolonialherrschaft an und flammten bis in das späte 19. Jahrhundert hinein immer wieder auf. Während
der spanischen Kolonialzeit war Chile vom Vizekönigreich Peru abhängig und
erhielt erst später eine eigene Regierung. Das Land entwickelte sich langsam, da
es im Gegensatz zu anderen Ländern Südamerikas wie etwa Peru weder über große
Silber- noch Goldvorkommen verfügte, welche die Spanier angezogen hätten. Auch
die abgeschiedene Lage war ein Grund für die langsame Entwicklung des Landes.
Die Landwirtschaft im Zentraltal war damals der wesentlichste Wirtschaftsfaktor,
und Chile versorgte Peru mit Nahrungsmitteln, insbesondere mit Weizen. Die
Stadtbevölkerung lebte vorwiegend vom Handel. Im Jahr
1810 strebte Chile zusammen mit anderen spanischen Kolonien die politische
Unabhängigkeit von Spanien an. Am 18. September dieses Jahres setzte der
Stadtrat von Santiago den Kolonialgouverneur von Chile ab und delegierte dessen
Macht an den Rat der Sieben; dieser Tag wird seitdem als chilenischer
Unabhängigkeitstag gefeiert. Obwohl dieser Akt formal die Unabhängigkeit Chiles
von Spanien signalisierte, kam es zu einem über 15 Jahre andauernden
Unabhängigkeitskrieg mit spanischen Truppen, die aus Peru entsandt wurden. Eine
königliche Armee konnte am Chacabuco im Februar 1817 von einer
chilenisch-argentinischen Armee entscheidend geschlagen werden, wodurch auch die
Befreiung des nördlichen Chile von spanischer Herrschaft erfolgte. Genau ein
Jahr später – am 12. Februar 1818 – verkündete General Bernardo O’Higgins, einer
der Führer der siegreichen Armee, die absolute Unabhängigkeit Chiles. Dennoch
kontrollierten die spanischen Truppen bis 1818 fast den gesamten Süden von
Chile; endgültig wurden sie erst 1826 aus dem Land gewiesen. O’Higgins, der 1818 zum Landesführer (director supremo) ernannt und mit diktatorischen Mitteln ausgestattet wurde, regierte das Land bis 1823, als das Volk seinen Rücktritt erzwang. Eine liberale Verfassung, die eine republikanische Regierungsform vorsah, wurde ausgearbeitet und verabschiedet; dennoch kam es zu politischen Unruhen aufgrund anhaltender Machtkämpfe zwischen den konservativen und liberalen Kräften des Landes, die bis 1830 dauerten. In diesem Jahr organisierten die Konservativen unter Führung von General Joaquín Prieto einen erfolgreichen Aufstand und übernahmen die Regierungsmacht. Im Jahr 1831 wurde Prieto Präsident, aber die bedeutendste Person in der Regierung war Diego Portales, der während Prietos Amtszeit verschiedenste Ministerpositionen ausübte. Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung konnte 1833 erfolgreich abgeschlossen werden. In den Jahren 1835, 1851 und 1859 kam es zu mehreren bewaffneten Aufständen liberaler Gruppen gegen die Konservativen. Trotz
ihres autoritären Charakters gelang es der konservativen Regierungspartei mit
ihrer Innenpolitik der Stabilität, Chile eine solide wirtschaftliche Basis zu
verschaffen und die Weiterentwicklung der Landwirtschaft zu fördern. Dies
erfolgte insbesondere in der Regierungszeit unter Präsident Manuel Montt von
1851 bis 1861. Es wurden die ersten Schritte zur Nutzung der Bodenschätze –
insbesondere Salpeter und Kupfer – unternommen und die ersten Eisenbahnlinien
gebaut. Auch die Immigration wurde gefördert. Gleichzeitig wurde das Schulsystem
eingerichtet und verschiedene kulturelle Institutionen aufgebaut. Die
Hauptentwicklung in der Außenpolitik war in der Periode der konservativen
Herrschaft geprägt von verschiedenen Konflikten mit den Nachbarländern,
teilweise verbunden mit bewaffneten Auseinandersetzungen, zunächst mit Bolivien
und Peru im Jahr 1836, und dann Anfang 1843 mit Argentinien. Diese Konflikte
dauerten bis 1881, als ein Vertrag unterzeichnet wurde, der die Hälfte von
Feuerland Chile zusprach. Liberale Regierung und Kriege mit dem Ausland Währenddessen hatten sich innerhalb der Konservativen Partei aufgrund von Unstimmigkeiten mit der römisch-katholischen Kirche mehrere Fraktionen gebildet. Anfang 1861 erließ der liberale Flügel zusammen mit der Liberalen Partei einige Verfassungsreformen, einschließlich des Verbots einer wiederholten Amtszeit desselben Präsidenten. Die Bemühungen um ein öffentliches Wohlfahrtssystem und die Erschließung der Bodenschätze wurden vorangetrieben. Eine neue Eisenbahnlinie und ein Postsystem entstanden. 1865 wurde Chile in den Spanisch-Peruanischen Krieg um die peruanischen Guanovorkommen verwickelt, der immer wieder sporadisch aufflammte und bis 1869 anhielt (Siehe auch Peru: Geschichte). In der
Folge konzentrierte sich das chilenische Interesse auf die Ausbeutung der
wertvollen Salpetervorkommen in der Wüste Atacama. Die bolivianischen Ansprüche
an diese Region wies Chile zurück und schickte im Februar 1879 militärische
Einheiten in den bolivianischen Hafen Antofagasta. Zwei Monate später erklärte
Peru als Verbündeter Boliviens Chile den Krieg, welcher den Beinamen
Salpeterkrieg erhielt. Als Ergebnis aus dem Sieg in diesem Konflikt, der 1883
endete, erhielt Chile beträchtliche Gebiete zugesprochen, einschließlich der
Provinz Antofagasta (von Bolivien) und der Provinz Tarapacá (von Peru). Peru
trat außerdem auch Tacna und Arica unter der Bedingung an Chile ab, dass nach
zehn Jahren eine Volksabstimmung abgehalten würde. Obwohl beide Länder sich über
die Bedingungen des Volksentscheids uneinig waren, konnte die Frage um die
betroffenen Gebiete im Jahr 1928 auf dem Verhandlungsweg geklärt werden. Tacna
ging daraufhin in peruanischen, Arica in chilenischen Besitz über (Siehe
Tacna-Arica-Frage). Chile besaß nun das weltweite Monopol für den Handel mit
Salpeter und kam in der Folgezeit zu beträchtlichem Reichtum, der sich
überwiegend auf die Einnahmen durch die Ausfuhrzölle begründete. Bürgerkrieg und Naturkatastrophen Im Jahr 1891 verbanden sich die konservativen politischen Kräfte des Landes eng mit dem römisch-katholischen Klerus und organisierten einen Aufstand gegen die Regierung von Präsident José Manuel Balmaceda Fernández, dem Vorsitzenden der Liberalen Partei. Unter der Führung von Kapitän Jorge Montt, einem Marineoffizier, übernahmen die Rebellen, die sich selbst Kongressionalisten nannten, die chilenische Flotte und besetzten die Gebiete mit den reichen Salpetervorkommen im Norden. Im August schlugen sie eine Regierungsarmee in der Nähe von Valparaíso. Auch die Stadt selbst fiel in die Hände der Rebellen, ebenso Santiago. Der Fall von Santiago beendete den Krieg. Mehr als 10 000 Menschen mussten dabei ihr Leben lassen und beträchtlicher Sachschaden wurde angerichtet. Im September beging Balmaceda Selbstmord. Kurz danach wurde Montt Präsident und für Chile begann eine lange Periode friedfertigen Wiederaufbaus. Als Zugeständnis an liberale Tendenzen im Land willigte Montt in verschiedene Reformen ein, darunter einer Demokratisierung der Exekutive, und es kam ingesamt zu einer Liberalisierung des parlamentarischen Systems. Die folgenden Jahre waren von wachsender Teilnahme der chilenischen Bevölkerung an der Politik gekennzeichnet und von einer Zunahme politischer Unruhen. Im
August 1906 zerstörte ein starkes Erdbeben die Stadt Valparaíso fast vollständig
und richtete auch in Santiago große Schäden an. Etwa 3 000 Menschen kamen dabei
um, und ungefähr 100 000 Personen wurden obdachlos. Der Wiederaufbau in den
beschädigten Gebieten erfolgte jedoch relativ rasch. Im 1. Weltkrieg blieb Chile neutral. Nach dem Krieg entwickelte sich im Land ein scharfer Gegensatz zwischen den konservativen und liberalen Kräften. Die Liberalen gelangten durch die Wahlen im Jahr 1920 an die Macht. Der ehemalige Innenminister Arturo Alessandri Palma wurde Präsident, doch er war nicht in der Lage, für seine Reformvorschläge die notwendige parlamentarische Zustimmung zu erlangen. 1924 führte eine Gruppe aus dem Militär einen Staatsstreich durch, offensichtlich mit dem Hintergrund, die geplanten liberalen Reformen zu verhindern. Alessandri wurde aus dem Amt entlassen und eine Militärdiktatur errichtet. Die Diktatur wurde Anfang 1925 mit einem weiteren Staatsstreich gestürzt. Eine neue Verfassung zur Änderung des Wahlsystems wurde entworfen. Darin wurden die Machtbefugnisse des Kongresses zugunsten derjenigen des Präsidenten eingeschränkt und die Trennung von Staat und Kirche beschlossen. Alessandri kehrte als Präsident zurück, aber diese Amtsperiode dauerte nur ein Jahr. Unter dem nächsten Präsidenten, Emiliano Figueroa, wurde die Regierungsautorität vom Armeeoffizier Carlos Ibáñez del Campo ausgeübt, der die Präsidentschaft von 1927 bis 1931 übernahm. Nach weiteren Unruhen und Regierungsänderungen wurde Alessandri 1932 erneut zum Präsidenten gewählt und blieb dies auch bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 1938. Bei den
Wahlen von 1938 wurde eine liberale Regierung mit Pedro Aguirre Cerda (einem
Mitglied der Radikalen Partei) als Präsident von einer Koalition mehrerer
demokratischer Gruppen gewählt, die sich zu einer Volksfront zusammengeschlossen
hatten. Sein ehrgeiziges neues Handelsprogramm wurde von einem schweren Erdbeben
unterbrochen, das sich 1939 ereignete; hierbei kamen über 30 000 Menschen ums
Leben. Die entstandene Koalition war auch 1942 wieder erfolgreich. Diesmal wurde
Juan Antonio Ríos, ebenfalls Mitglied der Radikalen Partei, zum Präsidenten
gewählt. Er betrieb zunächst eine Politik des Ausgleichs, trotz innenpolitischer
Spannungen, die durch starke Befürworter einer Unterstützung der Linie der USA
bzw. der Achsenmächte im 2. Weltkrieg hervorgerufen wurden. Später entschloss
sich Ríos zu einer aktiven Unterstützung der Alliierten, und Chile trat 1944 auf
Seiten der USA in den Krieg ein. Während des Krieges entwickelte sich die
Kommunistische Partei zu einer der stärksten politischen Organisationen in
Chile. Das Land gehört zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen, deren
Charta es im Juni 1945 unterzeichnete. Nachkriegsregierungen (1946-1970) Die Präsidentschaftswahl im Jahr 1946 wurde von Gabriel González Videla gewonnen. Dieser Kandidat der Radikalen Partei wurde von einer linksgerichteten Koalition unterstützt, die im Wesentlichen aus der Radikalen und der Kommunistischen Partei bestand. González Videla berief drei Kommunisten in sein Kabinett, doch die Koalition hielt nur sechs Monate. Die Kommunisten, häufig im Streit mit den anderen Regierungsmitgliedern, wurden im April 1947 aus dem Kabinett entlassen. Etwas später im gleichen Jahr wurden die diplomatischen Beziehungen zur UdSSR abgebrochen. 1948 kam es zu einer Verhaftungswelle, von der Hunderte von Kommunisten betroffen waren. Ein Gesetz zur Verteidigung der Demokratie war erlassen worden und dieses enthielt ein Verbot der Kommunistischen Partei. Es folgte ein militärischer Aufstand, angeführt vom ehemaligen Präsidenten Ibáñez, der jedoch rasch niedergeschlagen wurde. Auch in den folgenden Jahren kam es häufig zu Streiks und anderen sozialen Unruhen; 1951 dehnten sich die Streiks auf alle Bereiche der Wirtschaft aus. Als Reaktion auf die traditionellen Parteien wählte das Volk im darauf folgenden Jahr General Ibáñez zum Präsidenten. Er stellte zwar die Ordnung wieder her, konnte die ökonomischen und sozialen Probleme des Landes jedoch nicht bewältigen. 1958 wurde daraufhin Jorge Alessandri Rodríguez, ehemaliger Senator und Sohn des ehemaligen Präsidenten Arturo Alessandri Palma, als Führer einer konservativ-liberalen Koalition zum Präsidenten gewählt. Er entwickelte eine wirtschaftliche Basis, die die freie Unternehmerschaft begünstigte und Investitionen aus dem Ausland ermutigte. Als Reaktion auf die starke Opposition der wieder zugelassenen Kommunistischen Partei und der neu formierten Christdemokratischen Partei schlug er einen Zehnjahresplan vor, der Steuerreformen, Bauprojekte und eine Agrarreform vorsah. Im Jahr 1964 brach er die diplomatischen Beziehungen zu Kuba ab, knüpfte aber neue Beziehungen zur UdSSR. Bei den
Präsidentschaftswahlen von 1964 errang das ehemalige Senatsmitglied Eduardo Frei
Montalva als Kandidat der Christdemokratischen Partei die Mehrheit über die
linksgerichtete Koalition. Freis wichtigste Reformen, darunter die teilweise
Verstaatlichung der Kupferindustrie, führten sowohl bei den Linken als auch bei
den Konservativen zu Unzufriedenheit und heftiger politischer Opposition. Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen von 1970 formierte sich die linke Opposition zu einem Volksbündnis und nominierte Salvador Allende Gossens zum Kandidaten. Dieser stellte seinen Wahlkampf auf ein umfassendes Konzept des so genannten „Sozialismus in Freiheit“. Es umfasste u. a. die komplette Verstaatlichung aller wesentlichen Industriezweige, ausländischen Banken und Monopolgesellschaften, die Zugriff auf die Bodenschätze hatten – was den Freikauf von ausländischen Beteiligungen, insbesondere von US-Kapital, bedeutete –, sowie die Fortsetzung der Bodenreform, allgemeine soziale Verbesserungen und verschiedene demokratische Zusagen. Er erhielt mit 37 Prozent knapp die Mehrheit aller Stimmen. Der Kongress unterstützte ihn mit überwiegender Mehrheit gegen den rechten Gegenkandidaten, den ehemaligen Präsidenten Alessandri. Allende war damit der erste Präsident eines nichtkommunistischen Landes der westlichen Hemisphäre, der auf der Basis eines sozialistischen Regierungsprogramms frei gewählt wurde. Sofort
nach seiner Vereidigung als Präsident begann Allende mit der Umsetzung seiner
Wahlkampfversprechen. Darüber hinaus begann er mit der Umverteilung der
Einkommen. Er hob die Löhne an und kontrollierte die Preise. Die Opposition
unter den reichen Bevölkerungsschichten und ausländischen Investoren gegen sein
Programm war jedoch von Anfang an stark. Als sich 1972 die ersten ernsten
Wirtschaftsprobleme abzeichneten – ein Hauptgrund war die von US-Präsident
Richard Nixon verhängte Kreditsperre –, kam es zu einer extremen Polarisierung
der Bevölkerung und ersten Streiks. Die Situation wurde zunehmend kritisch, als
1973 die Preise in dramatische Höhen kletterten, Nahrungsmittelrationierungen
erforderlich wurden und weitere Streiks sowie politische Unruhen mit heftigen
Straßenschlachten zwischen rechten Gruppen und dem Militär Chile an den Rand des
Chaos führten. Die Krise wurde durch die Haltung der USA verstärkt, die das
Regime Allendes unterminierte. Am 11. September 1973 kam es zum Äußersten:
Militärkräfte stürmten in einem Putschversuch den Präsidentenpalast, bei dem
Präsident Allende unter bisher ungeklärten Umständen getötet wurde. Eine
besondere Rolle kam dabei dem US-Geheimdienst CIA zu, der den Putsch mit
vorbereitet und den Oppositionsgruppen finanzielle Unterstützung gewährt hatte.
Die für den Putsch verantwortliche Militärjunta stand unter Führung von General Augusto Pinochet Ugarte, der damit zum neuen Staatspräsidenten wurde. Er setzte sofort die Verfassung außer Kraft, löste den Kongress auf, ordnete eine strenge Zensur an und verbot alle politischen Parteien. Ferner ging er brutal und radikal gegen alle linken Kräfte des Landes vor. Es kam zu über 30 000 Verhaftungen und vielen sofortigen Exekutionen; Folterungen durch Militärgruppen sowohl bei den Festnahmen als auch in den Gefängnissen standen an der Tagesordnung, und viele Menschen verschwanden spurlos und auf ungeklärte Weise, während etwa 6 000 Personen in ein ausländisches Exil verbannt wurden. Während der nächsten Jahre regierte die Junta mit weitestgehender Unterdrückung der Opposition; erst gegen Ende der siebziger Jahre waren einige Lockerungen festzustellen. Das Kriegsrecht wurde 1978 aufgehoben – die Notstandsgesetze blieben jedoch in Kraft –, und einige Zivilisten erhielten Zutritt in das Kabinett. Chile blieb dennoch ein Polizeistaat. Eine neue Verfassung, von einem Referendum am siebten Jahrestag des Putsches (also 1980) gebilligt, legalisierte das Militärregime bis in das Jahr 1989. Es folgte eine weitere achtjährige Amtszeit von Präsident Pinochet, die im März 1981 begann. Mit
seinen strengen Kontrollmechanismen begrenzte Pinochet in den Jahren zwischen
1977 und 1981 die Inflation und regte die Produktion an. Die weltweite Rezession
von 1982 und der Verfall der Kupferpreise führten jedoch zu einer Talfahrt der
chilenischen Wirtschaft, weshalb das Regime Pinochet nun auch bei den
rechtsgerichteten Kreisen in der reicheren Bevölkerung auf Widerstand stieß. Im
Jahr 1983 formierten sich starke Proteste gegen die Regierung. Es folgte eine
Welle von Bombenanschlägen in den großen Städten. Die aufkeimende Unruhe im Volk
und die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation verleiteten Pinochet im
November 1984 zur erneuten Verhängung des Kriegsrechtes. Nach einem erfolglosen
Mordanschlag auf Pinochet im September 1986 ergriff er erneut repressive
Maßnahmen. Wiederherstellung des zivilen Rechts Im August 1988 wurden die Notstandsgesetze aufgehoben, und im Oktober konnten die Chilenen per Volksentscheid darüber abstimmen, ob die im März 1989 auslaufende Amtszeit von Pinochet bis 1997 erneuert werden sollte. Als 67 Prozent der Wähler sich dagegen entschieden, wurde Pinochets Amtszeit zunächst bis zum März 1990 ausgedehnt, um freie Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vorzubereiten. Im Dezember 1989 fanden in Chile die ersten Präsidentschaftswahlen seit 19 Jahren statt. Die Wähler entschieden sich für den christdemokratischen Kandidaten Patricio Aylwin Azócar. Aylwin begann mit bescheidenen Wirtschaftsreformen und setzte eine Kommission ein, um die Verletzungen der Menschenrechte unter dem Pinochet-Regime untersuchen zu lassen. Zu Verurteilungen kam es jedoch erst Mitte der neunziger Jahre. Die von Aylwin begonnenen Reformen verhalfen Chile zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 1993 schlug der Christdemokrat Eduardo Frei Ruiz-Tagle, der Sohn des ehemaligen Präsidenten Eduardo Frei Montalva (siehe oben: Nachriegsregierungen), den parteilosen Gegenkandidaten Arturo Alessandri Besa. Im Januar 1993 nahm Chile den ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zusammen mit seiner Frau in das Exil in Santiago auf, nachdem der gegen ihn erhobene Haftbefehl wegen Verhandlungsunfähigkeit aufgehoben worden war; er starb in Santiago im Mai 1994. Chile trat im Jahr 1994 als Mitglied der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftlichen Zusammenarbeit (APEC) bei und plante den Beitritt in die Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA). Im Januar 1996 wurde die weitere Modernisierung der Wirtschaft beschlossen. Auch eine Reform von Verfassung und Justiz sind geplant. Concepción (Chile), Stadt im südlichen Zentrum von Chile und die Hauptstadt der Region Bíobío (am gleichnamigen Fluss). Talcahuano und Tomé, die Zugangshäfen, befinden sich in der nahen Bucht von Concepción am Pazifischen Ozean. Concepción ist ein Handelszentrum für landwirtschaftliche Produkte, die im fruchtbaren Umland angebaut werden. Wichtig für die städtische Wirtschaft sind die Nahrungsmittelverarbeitung, die Eisen- und Stahlindustrie sowie die Öl, Chemikalien und Holz verarbeitende Industrie. 1919 wurde die Universität von Concepción gegründet. Die Stadt entstand 1550 an der Stelle des heutigen Penco. 1754 wurde Concepción landeinwärts verlegt. Ein Erdbeben hatte die Stadt 1751 zerstört. 1818 wurde in Concepción die Unabhängigkeit von Chile ausgerufen. Weitere Erdbeben richteten 1835, 1939 und 1960 große Schäden an. Die Einwohnerzahl beträgt etwa 350 000.
Santiago (Chile), Hauptstadt Chiles, am Río Mapocho. Sie liegt 530 Meter über dem Meeresspiegel und wird im Osten von den schneebedeckten Gipfeln der Anden überragt. Santiago ist die größte Stadt des Landes und dessen wichtigstes Wirtschafts- und Kulturzentrum. Nahrungsmittel, Textilien, Bekleidung und chemische Produkte werden hier hergestellt. Daneben spielt der Tourismus eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Santiago beheimatet viele höhere Bildungseinrichtungen, darunter die Universität von Chile (1738 unter dem Namen Königliche Universität von San Felipe gegründet), die Katholische Universität (1888) und die Universität Santiago de Chile (1947). Außerdem befinden sich das Nationalarchiv, die Nationalbibliothek und zahlreiche Museen in der Stadt. Besonders erwähnenswert sind das Museum für Staatsgeschichte mit präkolumbianischen, kolonial- und neuzeitlichen Sammlungen, das Nationale Kunstmuseum und das Nationalmuseum für Naturgeschichte. Beliebtes Ausflugsziel sind der botanische Garten der Stadt und ein Zoo. Die Kirche San Francisco aus dem 16. Jahrhundert und die Casa Conde de la Conquista aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sind die einzigen alten Bauwerke der Stadt, die noch erhalten sind. Der
spanische Eroberer Pedro de Valdivia gründete Santiago 1541 in einem von dem
Stamm der Picunche bewohnten Gebiet. 1647 wurde der Ort durch ein Erdbeben
beinahe völlig zerstört. Seit 1651 ist Santiago Erzbischofssitz, und mit der
Unabhängigkeit Chiles wurde es 1818 zur Landeshauptstadt erhoben. Die
Einwohnerzahl beträgt etwa 4,63 Millionen. Autor: Thomas Lang
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